sydney - broken hill - uluru
Freitag morgen, 6:15 Uhr. Entweder sind wir zu früh oder alle anderen zu spät. Der Sydney International Airport ist wie leergefegt, schon von weitem kann man die Schalter für die Immigration sehen; dort wo sich normalerweise Hunderte für die Passkontrolle anstehen ist kein Mensch zu sehen. Das gleiche Bild an den Gepäckbändern. Zügig haben wir unsere Taschen und reihen uns bei der Quarantäne-Inspektion ein, einer australischen Besonderheit die verhindern soll, dass fremde Pflanzen, Samen, Keime und weiteres Unzeugs ins Land gelangen. Man hat also aus der Vergangenheit gelernt… Auch hier dauert es keine zehn Minuten bis wir abgefertigt sind: Lebensmittel (Schokolade als Mitbringsel) und Wanderschuhe vorgezeigt (wegen möglicher Erde im Sohlenprofil) und schon sind wir durch. In der Ankunftshalle hält ein gut gekleideter Herr ein Schild mit unserem Namen hoch, nimmt sich unseres Gepäcks an und bringt uns zu einer schwarzen Limousine, verstaut sämtliche Taschen in dem unglaublich großen Kofferraum und los geht’s Richtung Stadtmitte. Der Spuk hat von der Landung bis ins Auto keine 45 Minuten gedauert – ganz das Gegenteil vom vergangenen Jahr als wir uns über zwei Stunden durch die Einreiseprozeduren kämpfen mussten.
Peak Hour – Damoklesschwert der Stadt Sydney. Jeden Morgen und Abend versinkt die Stadt in einer kollektiven Verstopfung, die den Verkehr selbst auf Schleichwegen zum Erliegen bringt. Dank unserer schnellen Abfertigung im Flughafen sind wir in der Stadt bevor das Grauen losbricht, fädeln mühelos durch Tunnel und über Freeway-Knoten und lassen die Skyline hinter uns – weit bevor der gemeine Sydneysider zu seinem Tagwerk aufbricht. Schon um kurz vor acht Uhr halten wir in Brookvale vor dem Büro von Travel Car Center um unseren Camper zu übernehmen. Angelika, die gute Seele von TCC ist überrascht dass wir schon da sind und so machen wir uns sofort an den Papierkram und bekommen anschließend von Chris eine Einweisung in die technischen Feinheiten von Allradantrieb, Winde, Kompressor, etc. Danach stellen wir uns noch unsere Ausrüstung für den Camper zusammen und los geht’s mit dem Schlachtross Richtung Warringah Mall. Dort arbeiten wir unseren Einkaufszettel ab um Vorräte für die kommende Tour anzulegen. Drei Stunden später und einige hundert Dollar ärmer fahren wir mit unserem bis unters Dach vollgepackten Landcruiser nach Manly, um endlich richtig in Australien „anzukommen“. Und zwar bei einer Portion Fish & Chips, die wir am Manly Beach genießen. Mittlerweile ist es 14:30 und wir beeilen uns, zu Janelle und Rene nach Berowra zu kommen. Jetzt schlägt das Biest mit dem Namen „Peak Hour“ voll zu und wir quälen uns durch den Freitagnachmittagsverkehr Richtung Norden und sind schließlich um 16:30 bei unseren Gastgebern für die nächsten drei Nächte. Ein Abendessen in einem Fischrestaurant in Berowra Waters beschließt den Freitag. Wir gehen um 23:30 ins Bett um dem Jetlag keine Chance zu geben und möglichst schnell in den richtigen Rhythmus zu kommen.
Samstag 8:30 – wir haben den Jetlag erfolgreich ausgetrickst und geschlafen wie große Murmeltiere. Janelle und Rene sind schon seit 6 Uhr auf den Beinen um die letzten Vorbereitungen für ihre morgige Hochzeit zu treffen. So haben wir das Haus für uns alleine und trödeln ein wenig beim Frühstück herum um dann mit dem Auto nach Sydney zu fahren. Die unvermeidliche Fahrt über die Harbour Bridge ist jedes mal ein Erlebnis. Wir parken im Viertel „The Rocks“ und schlendern zum Hafen um einen langen Blick auf den Fährverkehr am Circular Quay zu werfen, die Oper mit ihrer unverwechselbaren Silhouette als perfekter Hintergrund. Ein Bummel durch Downtown, Mittagssnack in einem der unzähligen Foodcourts, Queen Victoria Building – das gehört schon fast traditionell zu unseren Besuchen in Sydney. Es ist extrem warm, da ein Tiefdruckgebiet über dem Meer die heiße Luft aus dem Inland ansaugt. Dabei ist die Luft sehr trocken und es weht ein heftiger Wind. Wir suchen daher die kühlende Nähe zum Wasser und fahren zu Millsons Point auf der Nordseite von Sydney Harbour und genießen den Ausblick auf die Skyline vor der die Segelboote kreuzen. Zurück in Berowra machen wir uns daran, den Bushcamper für unsere Reise herzurichten. Wir räumen unsere Klamotten und die Lebensmittel möglichst logisch in die wenigen Fächer und Stauräume, bestücken den Kühlschrank mit jeder Menge Steaks und sind erstaunt über das Fassungsvermögen der vermeintlich kleinen Schränke. Die erfolgreiche Beladung unseres rollenden Heimes feiern wir mit Janelle und Rene wie es sich gehört mit einem Barbecue, erzählen lange und gehen um 23 Uhr schlafen.
Sonntag – Wedding Day! Heute ist der große Tag für Janelle und Rene die sich in Lisgar Gardens, einem nahezu unbekannten öffentlichen Park das Jawort geben wollen. Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel, der Park ist wunderschön, alle Bäume, Büsche und Beete stehen in voller Blüte, Brautpaar und Gäste sind festlich gekleidet – die ganze Szene wirkt fast schon kitschig. Der Bräutigam tritt durch die Reihe zwischen den Hochzeitsgästen zum Altar und ein Gast sagt für alle hörbar: „here comes the victim“; australischer Humor… Die Braut schwebt über einen Teppich aus Rosenblättern ein, es werden herzergreifende Lieder gespielt, noch herzergreifendere Gedichte über die Liebe vorgetragen und tragende Worte zu Sinn und Zweck der Ehe leiten die Ring-Zeremonie ein. Mehr kann man aus einer Trauung nicht herausholen, das war gaaaanz großes Hollywood-Kino und für uns eine wunderbare Erfahrung. Nach der Zeremonie ging es zum Empfang und Essen in den Avondale Golfclub, eine altehrwürdige Institution mit einem wunderbaren viktorianischen Clubhaus in dem gefeiert wurde. Ungewohnt für uns wiederum ist die Tatsache dass eine Hochzeitsfeier mittags stattfindet und gegen 17 Uhr endet. Noch überraschender ist allerdings, dass die Hochzeitsgäste dann auch freiwillig nach Hause gehen. Bei uns würde ein so abruptes Ende einer Feier garantiert eine Meuterei auslösen. Das Brautpaar verabschiedet sich in die Hochzeitsnacht im Shangri-La Hotel und wir fahren zurück nach Berowra, wo wir den Camper fertig einräumen und früh ins Bett gehen.
Montag 06:15 – Abmarsch! Wir starten Richtung Norden um den Großraum Sydney zu meiden. In der Gegenrichtung bilden sich auf dem Freeway schon die ersten Staus und so erweist sich die Wahl unserer Fahrtroute als goldrichtig. Durch das Hunter Valley fahren wir westwärts über Dubbo nach Cobar 720km zum Ziel der ersten Tagesetappe. Unser Toyota Bushcamper genehmigt sich bei flotter Marschgeschwindigkeit und strammen Gegenwind 16l /100km. Wir bereiten bei 26°C unser erstes Barbecue der Reise, kämpfen mit dem Bettenbau und gehen bei leichtem Nieselregen schlafen. Nachts wachen wir frierend auf; die Temperatur ist auf 10°C gesunken und es schüttet! Frühstück findet im Camper statt, der sich als geräumiges Multitalent erweist. In Anlehnung an das „FliWaTüt“ aus der 70er Fernsehserie überlegten wir kurz, unser Gefährt „KoSchlaTüt“ zu nennen für KOchenSCHLAfen und TÜT als Synonym für Auto. Schließlich taufen wir es aber auf den „Dorothy“.
Die Tagesetappe geht nach Broken Hill, 450 km durch Farmland und menschenleere Ebenen. Rote Erde wechselt mit Buschland und Weizenfeldern ab. Der Wind bläst stürmisch von vorn und lässt den Dieselverbrauch nicht unter 16 Liter sinken, dafür die Temperaturen auch nicht über 15°C steigen. Wir fahren nach Silverton, einer fast verlassenen Minenstadt, die heute gerne als Filmkulisse oder für Werbespots hergenommen wird. Weiter zum Lookout über die Mundi Mundi Plains, die einen Eindruck über die Weite des Outback vermittelt. Hier wurden Szenen für „Mad Max“ gedreht und auch für „Priscilla Königin der Wüste“. Der Ausblick ist einfach atemberaubend und kann in Fotos nicht annähernd wiedergegeben werden. In der Minenstadt Broken Hill geben alte Fotos in der Innenstadt einen guten Eindruck davon, wie rau und unwirtlich es vor weniger als hundert Jahren während des Minenbooms gewesen sein muss. Den Opfern in den Minen ist ein beeindruckendes Denkmal auf einer Abraumhalde oberhalb des Ortes gewidmet. Von dort hat man auch einen guten Überblick über die Stadt, die schon einmal deutlich bessere Zeiten gesehen hat. Viele Geschäfte stehen leer und sind zu verkaufen, in den Vororten verkommen viele leere Häuser. Dazwischen finden wir ein Juwel: Bells Milk Bar, eine Milchbar original aus den 50er Jahren. Hier ist die Zeit stehen geblieben: die Originale Inneneinrichtung hat irgendwie die letzen fast 60 Jahre schadlos überstanden und auch das Angebot ist (bis auf die Preise) noch aus der damaligen Zeit. Wir bestellen Milkshakes und bekommen sie in den Metallbechern, in denen sie im Shaker hergestellt werden. Dazu läuft Musik der 50er aus der Jukebox. Wir kommen uns vor wie in einem der quietschbunten Filme dieses Jahrzehnts. Nach dieser Zeitreise quartieren wir uns auf dem Campground ein, grillen, ratschen mit Nachbarn übers Wetter (am Tag zuvor waren zwei Sandstürme über die Stadt gefegt und es regnete dazu). Wegen der niedrigen Temperaturen aßen wir wieder in unserem Wundermobil, machten die Heizung an und gingen ins Bett. Die Temperatur sank nachts auf sieben Grad – willkommen im australischen Frühling!
Sechs Uhr früh, die Brille beschlägt. Aufsitzen für die nächste Etappe nach Marree, dem Beginn des Oodnadatta Tracks. Ab hier beginnen die ungeteerten Straßen durchs Landesinnere. Sie variieren von autobahnähnlichen Kiespisten über Sandstraßen bis hin zu fast nicht mehr erkennbaren Fahrspuren. Der Wind kommt anfangs noch von vorne, schlägt nach dem Wechsel der Fahrtrichtung nach Norden in heftigen Seitenwind um, der unsere Dorothy heftig über die breiten Straßen torkeln lässt. 80km vor dem Ziel endet der geteerte Highway und geht in eine breite, gut gepflegte Schotterpiste über die andere Autofahrer mit 110 km/h befahren. Wir bleiben bei unserem Marschtempo von ca. 90km/h und erreichen Marree am späten Nachmittag. Der Ort versprüht keinerlei Charme und auf dem Campingplatz gibt es statt des gewohnten Willkommensgrußes lediglich in breitem Akzent die Frage „powererd or unpowered?“, was soviel heißt wie: wollt ihr euren Stellplatz mit Strom oder ohne? Sonst gibt es über den Tag nichts außerordentliches zu berichten und wir sind um 21 Uhr todmüde ins Bett gefallen (was physikalisch nicht ganz richtig ist, denn unser Bett befindet sich ja im „Obergeschoß“, also müssten wir in Bett springen, schweben oder eine ähnliche Fortbewegungsart wählen).
Der Oodnadatta Track folgt der ursprünglichen Route des Forschers Stuart, der als erster den Weg zur Nordküste Australiens fand (und auch wieder lebend zurück kam). Hier wurde die Telegraphenleitung nach Darwin verlegt, um von dort aus Australien mit Europa zu verbinden und entlang dieser Linie wurde auch die ursprüngliche Eisenbahnlinie Richtung Darwin gelegt. Die Eisenbahn wurde 1980 aufgegeben und so findet man entlang des Tracks immer wieder Überbleibsel aus dieser Zeit. In William Creek, dem kleinsten Ort Australiens mit nur zwei permanenten Einwohnern steigen wir in ein Kleinflugzeug und fliegen zu den „Painted Hills“, einer erst kürzlich entdeckten Sehenswürdigkeit. Die Hills liegen, nur aus der Luft erreichbar, auf dem Grund der Anna Creek Station, die in etwa die Grundfläche von Belgien hat. Nach der Landung fuhren wir weiter nach Coober Pedy, wobei wir 180km lang eben genau die Ländereien dieser Station durchquerten. Coobe Pedy ist ein unwirtlicher, wenig einladender Ort mit vielen Opalminen, die sich kreuz und quer durch den Ort ziehen. Entsprechend staubig geht es zu und wegen der großen Hitze zieht man es vor, den Großteil des Tages unter Tage zu verbringen. Wohnungen, Geschäfte, Kirchen – vieles liegt in den ehemaligen Minenschächten. So herrschen das ganze Jahr über angenehme 21°C und man kann sich das Fensterputzen sparen. Übernachtet haben wir auf dem Gelände einer ehemaligen Mine zwischen den Abraumhalden. Der Besitzer führte uns noch durch die Minenschächte und erzählte von seinen Versuchen reich zu werden. Als es mit Opalen nicht klappen wollte, ist er in die Tourismusbranche gewechselt und versucht es seitdem wiederum vergeblich.
Wir kehren Coober Pedy den Rücken und begeben uns auf unsere bislang längste Outback-Etappe nach Finke. Via Oodnadatta, dem Mittelpunkt des Oodnadatta Tracks arbeiten wir uns nach Norden vor. Die Tracks werden schmäler und schlechter, die Landschaft wechselt fast minütlich. Am beeindruckendsten sind die sogenannten „Gibber Plains“, Ebenen die von geborstenen Steinen übersät sind und aussehen wie die Mondoberfläche. Diese Landschaft ist der Hintergrund für viele apokalyptische Filme wie z.B. „Mad Max“, war Trainingsort für Nasa Astronauten und Fotomotiv für Bier-Werbung. Kein einziges Fahrzeug begegnet uns. Für über 100km keine Siedlung oder Farm; lediglich Viehzäune und gelegentlich mal zwei, drei Rinder und hin und wieder die Ruine einer aufgegebenen Ansiedlung. Und ausgerechnet hier stellen wir einen schleichenden Plattfuß fest! Wir pumpen den Reifen mit dem Kompressor wieder auf und fahren weiter, alle 10 Minuten den Reifen kontrollierend. Dann passiert es doch; 6km vor der nächsten Siedlung, bei der wir den Reifen reparieren lassen wollten, platzt der Schlauch und wir müssen den Reifen wechseln. Durch den Reifenwechsel in der Zeit zurückgeworfen schlagen wir unser Nachtlager auf einer kleinen Lichtung im Busch auf, machen ein Lagerfeuer und richten uns für die Nacht ein. Es gibt Känguru-Steaks vom Grill und Brot aus dem gusseisernen Topf, in der Glut gebacken. Der Sternenhimmel funkelt nur für uns und wir sitzen glücklich und zufrieden am Lagerfeuer und lauschen der Stille. Überwältigt von den Erlebnissen des Tages und dem kristallklaren Bild der Milchstraße fallen uns bald die Augen zu und wir kriechen in die Koje unseres „Million-Star-Hotel“.
Wir wachen auf und hören – nichts! Die Nacht war angenehm mild (verglichen mit der Kälte der letzten Nächten), der Morgen klar und sonnig. Wir frühstücken luxuriös mit Pfannkuchen, Orangensaft, Tee, Toast, also was man halt so erwarten kann fernab jeglicher Zivilisation. Noch schnell ein Stoßgebet, dass die restlichen Reifen uns nicht im Stich lassen, und zurück auf den Track Richtung Kulgera. Der Weg hat ein bisschen Ähnlichkeit mit einer Bobbahn, allerdings aus rotem Sand. Der Chef vom Kulgera Roadhouse wechselt routiniert in 15 Minuten den geplatzten Schlauch und so sind wir weit früher als gedacht wieder auf der Straße. Und jetzt sogar für 20km auf Teer! Kurz vor der Grenze zwischen Südaustralien und Northern Territory biegen wir wieder rechts ab und fahren auf der Mulga Park Road nach Westen. Wir kreuzen Dünenausläufer und fahren durch Passagen mit lockeren Sand. Ein Roadtrain kommt uns entgegen, seine Staubfahne kündigt ihn an lange bevor wir ihm begegnen. Eine Begegnung mit solch einem Monster gleicht abseits befestigter Straßen einem Wirbelsturm. In seiner Staubfahne sinkt die Sicht schlagartig auf null, dann prasseln Steine wie ein Hagelschauer auf Haube und Windschutzscheibe. Wenn sich das Inferno legt hofft man, dass alles ganz geblieben ist und setzt seine Fahrt leicht geschockt fort. Wir picknicken bei Mulga Park und setzen die Fahrt in nördlicher Richtung fort. Vor uns erhebt sich Mount Connor, den viele beim ersten Anblick fälschlicherweise für Uluru halten, majestätisch über dem Horizont. Eigentlich würde das eine viel bessere Touristenatraktion abgeben als Uluru, ist er doch höher, größer und näher an Alice Springs. Aber spätestens beim Sonnenuntergang wird klar, warum er nicht mit dem „roten Felsen“ Ayers Rock mithalten kann: sein Farbspiel in der Abendsonne ist lange nicht so spektakulär und so behält Uluru (oder Ayers Rock, wie die Australier ihn nennen) seinen Nummer-Eins-Status als Touristenattraktion wohl bis auf weiteres.
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